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Ein Hauch von Vergangenheit und Zukunft
Pat Metheny
Orchestrion
| Label | Nonesuch |
|---|---|
| Vertrieb | Warner |
| VÖ-Datum | 29.1.2010 |
Manche Dinge sind schwer in Worte zu fassen - und manche sind gar noch schwerer in Worte zu fassen. In die letztere Kategorie fällt wohl, nach eigenen Worten, auch das neueste Projekt von Pat Metheny: Orchestrion. Seine Versuche, zu beschreiben, was den Hörer auf seinem neuen Werk erwartet und wie es letztlich zustande kam und eingespielt wurde, mögen durchaus auf offene Ohren gestoßen sein, nur schienen sie, trotz Bemühung, in der Andeutung stecken zu bleiben.
Das ist nicht ganz so verwunderlich, und lässt auch nicht unbedingt auf mangelnde Intelligenz der Zuhörer schließen, denn Methenys Orchestrion-Projekt greift letztlich eine Idee auf, die bereits vor mehr als 150 Jahren erdacht wurde: Eine Maschine, die dazu bestimmt sein sollte, wie ein Orchester zu klingen und - je nach Art - Pfeifen, Percussionsinstrumente oder auch ein Piano beherbergte und durch Walzen, oder später auch durch perforierte Papier-Rollen, gesteuert wurde. Die Umsetzung des Spieluhrenbauers Michael Welte, der seinen Automaten 1862 auf der Weltausstellung in London präsentierte, geriet dann letztlich quasi zum Sinnbild und Namensträger der Gattung.
Die Immitation eines Orchesters durch ein einziges, komplexes Instrument bzw. durch einen Automaten erfährt bei Metheny nun in sofern eine Erweiterung, weil es sich hier um einen Verbund einzelner Instrumente handelt, die individuell angesteuert werden. Metheny nennt seine Methode, ensemble-orientierte Musik zu entwickeln, bei der akustische und elektroakustische Instrumente mechanisch, durch Zylinderspulen und Drucklufttechnik, angesteuert bzw. gespielt werden "Orchestrionics".
Die Instrumente, die größtenteils, mit Ausnahme beispielsweise des Disk-Klaviers, speziell für dieses Projekt gefertigt worden sind, führen mit den Technologien von heute zu einer Plattform für Komposition wie auch Improvisation. Für Methenys Orchstrion-Album bedeutet das konkret, dass er sich eine Grundkomposition erarbeitet und erschafft, über die er seine elektrische Gitarre improvisiert spielt.
Metheny wäre aber nicht Metheny, wenn es ihm letztlich bei einem solchen Projekt im Wesentlichen nur um das technisch Machbare ging. Vielmehr bleibt der Focus natürlich der musikalischen Substanz gewidmet - und über die Jahre hinweg, die ihn diese Idee begleitet, ging es eben auch darum, moderne Technologie einzusetzen, die sich die Kraft und Ausdrucksstärke der akustischen Instrumente nutzbar macht.
Das Faszinierende und das Schöne an diesem Unterfangen: Man hört es nicht, dass hier Instrumente mechanisch gesteuert werden. Alles klingt so organisch, dass man sich kaum vorstellen vermag, hier würden keine Musiker an den einzelnen Instrumenten ihre Hände anlegen. Und: Ganz deutlich lässt sich die Handschrift des quirligen, immer noch jugendhaften und spielfreudigen Pat Methenys erkennen, dessen warmer Gitarrenklang sich wie ein roter Faden durch alle Arrangements zieht, die Jazz, Fusion sowie Blues- und Samba-Anleihen durchqueren.
Bei etwas eingehender Betrachtung wird man feststellen können wie detailliert Methenys neustes Werk letztlich ist. Trotzdem mag man sich bisweilen nicht ganz gegen den Eindruck erwehren, dass er sich, bei aller Brillanz, ein wenig in der Faszination der selbstgeschaffenen Klang-Maschinerie verliert. Das Schwäche zu nennen, wäre allerdings vermessen. Die einzige kleine Schwäche, sofern man es denn so ausdrücken will, ist die eigentliche Stärke des Albums - und umgekehrt: Die Tatsache, das man es nicht hört, welche technische Leistung hinter der Aufnahme steckt. Denn wenn das der Fall ist, welcher musikalische Mehrwert wird dadurch generiert, dass frischer Wind durch die Pneumatik weht? Letzten Endes bleibt der Antrieb wohl primär der menschliche Drang, Neues auszuprobieren. In diesem Sinne wäre Methenys Orchestrion vielleicht ein noch größeres Highlight geworden, wenn man noch mehr spüren würde, dass ihn die Technik beflügelt hätte, musikalische Wege zu gehen, die noch mehr in die Zukunft gerichtet gewesen wären und weniger an das bisherige Schaffen angeknüpft hätten. Und vielleicht wäre das dann auch sogar etwas leichter in Worte zu fassen gewesen.
Tracklist:
- Orchestrion
- Entry Point
- Expansion
- Soul Search
- Spirit of the Air

