
Auf dich, Joanna!
Joanna Newsom
Have One On Me
| Label | Drag City |
|---|---|
| Vertrieb | Rough Trade |
| VÖ-Datum | 26.2.2010 |
Elfen, Hexen, Einhörner, Nebel, Lavendelfelder, Herbstwälder, das zauberhafte Land Oz: Rezensionen über Joanna Newsom lesen sich gerne wie Handbücher des Aberglaubens. Wie Märchenbücher. Oder verkitschte Rosamunde-Pilcher-Romane. Das mag an der Zartheit dieser Person liegen, die sich vor ein paar Jahren in Windeseile ihren Platz in der New-Weird-America-Szene erspielt hat. An der Stimme, die zwischen lieblichem Kind, netter, alter Dame und bedrohlicher Hexe alles zu bieten hat, was einem wohlige und unwohlige Schauer über den Rücken jagen kann. An Instrumenten wie der Harfe, dem Klavier, Streichern und Bläsern, die sich auch als Hintergrunduntermalung von "Dornröschen" oder "König Drosselbart" prächtig machen würden. Oder schlicht an der Einfallslosigkeit der Rezensenten – und der Tatsache, dass es einfach zu verlockend ist, die Komplexität von Joanna Newsoms Musik auf ein paar Bilder herunter zu brechen.
Gerecht werden die schnöden Märchen dem Können der Harfenfrau nicht. Nicht mal im Ansatz. Denn das, was die mittlerweile 28-Jährige und spätestens seit ihrem Vorgängerwerk Ys hoch gelobte Vertreterin des Neo-Folk da auf drei CDs beziehungsweise sechs LPs von insgesamt über zwei Stunden Spielzeit fabriziert hat, ist – mit Verlaub und zur Abwechslung mal nicht durch die Blume gesagt – "der heiße Scheiß", mit dem sonst gerne willkürlich jede fünfte bis siebte neue "The"-Kombo betitelt wird. Jeder der insgesamt 18 Titel auf Joannas drittem Album Have One On Me strotzt nur so vor ausgefeiltem Songwriting, überraschenden Wendungen und einem Einfallsreichtum, das eine Sache gleich zu Beginn klarstellt: Dieses Monster von einem Album hat nichts, aber auch gar nichts mit Arroganz oder Größenwahn zu tun, sondern ist schlicht und einfach die logische Schlussfolgerung daraus, dass diese Frau es einfach drauf hat. Und zwar so, dass es keiner der Songs verdient hätte, hervorgehoben zu werden. Weil alle so verdammt gut sind.
Manch einer mag sich davon abgeschreckt fühlen, dass Joanna Newsom nicht den Weg von klassischen Melodien geht. Dass es auf ihren Alben keine Ohrwürmer oder richtige Refrains gibt und die Stücke häufig um die 10-Minuten-Marke herumschleichen. Derjenige wird sich mit den durchweg ruhigen Songs, in denen große Gefühlsausbrüche klanglich selten bleiben, sondern lieber unter der Oberfläche stattfinden, langweilen. Wenn er schlau ist, leiht er Joanna aber mehr als ein Ohr für die Dauer von einer halben Stunde. Denn dann offenbart sich Have One On Me als ein Album mit einer Kleinteiligkeit, die garantieren dürfte, dass sich darauf noch nach Monaten ein Schatz nach dem anderen entdecken lässt.
Tracklist:
- Easy
- Have One On Me
- '81
- # Good Intentions Paving Company
- No Provenance
- Baby Birch
- On A Good Day
- You and Me, Bess
- In California
- Jackrabbit
- Go Long
- Occident
- Soft As Chalk
- Esme
- Autumn
- Ribbon Bows
- Kingfisher
- Does Not Suffice



