Bigsize

Platte der Woche

Beach House
Bloom

Aktuelle Platten

Keine Frage des Geschmacks

Ten$ion

Die Antwoord

Ten$ion

LabelDowntown
VertriebCooperative Music/Universal
VÖ-Datum3.2.2012

"I'm indestructable!" Die ersten (für das ungeübte europäische Ohr) verständlichen Worte auf Ten$ion erinnern ein letztes Mal daran, was dem Rap-Kollektiv mit ihrem zweiten Album zweifelsohne gelingen musste: Es streut einen Eimer Salz in die klaffende Wunde im Herzen des internationalen Hip Hop. Es ist dieselbe Wunde, die Die Antwoord im Oktober 2010 mit ihrem Debüt $o$ selbst verantwortet hatten. Die Spaltung der halben Musikwelt geschah dann ganz nebenbei und ist wohl vor allem folgender universellen wie abgedroschenen Frage zu verschulden: Ist das Kunst oder kann das weg?

Die südafrikanische Antwort "auf was auch immer" wird geliebt oder gehasst. Irgendwas dazwischen lässt das Avantgarde-Projekt der Musiker Tudor Watkin Jones (alias Ninja), Yo-Landi Vi$$er und DJ Hi-Tek erst gar nicht zu. Als musikalische wie auch ästhetische Galionsfigur einer relativ jungen Szene namens Zef - soziokulturell verortet im gleichnamigen südafrikanischen Äquivalent zum amerikanischen White Trash - sorgt das Trio aus Kapstadt schon rein äußerlich für Kontroversen. Mit (vermutlich bzw. hoffentlich) aufgemalten Tattoo-Katastrophen, konstruierten Alter Ego und einer einzigartigen Ästhetik, deren zentrales Element die Hingabe zu Hässlichkeit und Morbidität auszeichnet, schafften es Die Antwoord von der Internet-Sensation zur ernstzunehmenden Rap-Satire. Die Tatsache, dass die Drei darüber hinaus eine ganze Menge von Musik verstehen, bescherte ihnen schließlich einen internationalen Major-Deal bei Interscope Records.

An Ten$ion, um nun schließlich zum neuen Album zu kommen, ist es nun zu beweisen, das Die Antwoord mehr sind, als die avantgardistische Eintagsfliege, das temporäre Kunstprojekt, das viele Kritiker in ihnen vermuteten. Dass Ninja und Co. (die im südafrikanischen Rap übrigens längst "alte Hasen" sind) am Ende genau das auch gelingen konnte, ist allerdings nur mäßig überraschend. Die wilde und originelle Verzahnung von Hip Hop und Elektro, die Texte, schwankend zwischen sozialer Satire und abgefucktem Booty-Rap, und schließlich der Fakt, dass das Ganze auch ohne das optische Gesamtpaket inzwischen bestens funktioniert - all das führt den Beweis über das musikalische Verständnis des Trios: Ten$ion funktioniert einerseits wie ein beißender Kommentar auf sämtliche Rap-Klischees und überdreht den amerikanischen Traum mit seinen Protagonisten, die als Witzfiguren in ihrem südafrikanischen Ghetto von Reichtum, Macht und sexueller Erfüllung rappen. Zugleich fesselt das Album seine Hörerschaft mit smarten Arrangements, die - wenn auch völlig überzogen - nur selten Grenzen setzen: Afrikanische Pattern kreuzen sich mit trashigen Tranceflächen und wummernder Drum'n' Bass zertrümmert hintergründige 8-Bit-Harmonien. Vor allem Yo-Landi Vi$$er ist in ihren Rollen als wahlweise angepisste Unterschichten-Rotzgöre oder unnahbares Fantasiegeschöpf bezaubernd, wunderschön und mindestens so eigentümlich authentisch wie Ninja, der wieder einmal den hoffnungslos patriarchalischen Beschützer, den Hobbygangster und Underdog mimt.

Ten$ion steckt voller Hits, auf die sich der Hörer genauso einlassen muss, wie auf Die Antwoord an und für sich. Ist dies bereits mit $o$ gelungen – umso besser. Für alle anderen wird es vermutlich schwer, auch das letzte Vorurteil aus dem Weg zu räumen. Dahinter aber verbergen sich Musik und Musiker, die ganz genau beobachten und das, was sie aufnehmen, perfekt inszeniert auf der Bühne karikieren. Und auch wenn der Erfolg und das weltweite Touren nicht spurlos an ihnen vorübergegangen - das ursprüngliche Sprachgewirr aus Englisch, Xhosa und Afrikaans ist weitgehend dem rein Englischen gewichen – bleiben Die Antwoord Satire, Avantgarde, Hip Hop, Trash und auch Kunst – vor allem aber bleiben sie großartig.

Tracklist:
  1. Never Le Nkemise 1
  2. I Fink U Freeky
  3. Pielie
  4. Hey Sexy
  5. Fatty Boom Boom
  6. Zefside Zol
  7. So What?
  8. Uncle Jimmy
  9. Baby's On Fire
  10. U Make Ninja Wanna Fuck
  11. Fok Julle Naaiers
  12. DJ Hi-Tek Rulez
  13. Never Le Nkemise 2
Highlights:

I Fink U Freeky, Fatty Boom Boom, Fok Julle Naaiers, Never Le Nkemise 2

Unsere Bewertung:
7 von 10
Skyscraper