
"Nie wieder Glastonbury!"
"Nie wieder Glastonbury!"
Babel (13.7.2010)
Kritiker und Fans gleichermaßen betrachten Babel aus Bristol als „the next big thing“ von der Insel. Mit ihrem zweiten Album Crooked Timber spielen sie tatsächlich ganz oben in der Premier League der englischen Newcomer. Wir sprachen mit Gitarrist Rick Brown über den unaussprechlichen Bandnamen, warum Babel nie wieder einen Fuß auf das Glastonbury-Festival setzen möchte und den teuflichen Plan, Therapy? so richtig schön zu verärgern.
AN.de: Euer Bandname wirft einige linguistische Probleme auf: Viele Leute wissen nicht, wie man ihn richtig ausspricht – sogar Muttersprachler haben damit Probleme. Woher kommt der Name eigentlich, bezieht ihr euch damit auf die Stadt Babel aus der Bibel?
Rick Brown: Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht mehr, warum wir uns für diesen Namen entschieden haben. Er hat allerdings nichts mit der Bibel, Ryan Babel oder Babelfish zu tun. Im Wörterbuch findet man als Definition für Babel „ein verwirrtes Geräusch“. Und wenn man uns live spielen sieht und hört, passt diese Definition an manchen Abenden voll und ganz. Ach ja, falls es dich interessiert: Man spricht den Namen „Bay-Bell“ aus. Wir denken aber immer wieder daran, ihn zu ändern.
AN.de: Euer erstes Album Pearl Street Raga war eigentlich mehr eine Best-Of-Sammlung aus euren bisher veröffentlichen EPs. Im Grunde genommen ist Crooked Timber also euer erstes richtiges Studio-Album. Wie hat es euch gefallen, ein komplettes Album im Studio aufzunehmen, und inwiefern hat euch dabei das Arbeiten mit Jim Barr von Portishead beeinflusst?
Rick Brown: Wir hatten bereits 90 % der Lieder, die im Endeffekt dann auf dem Album gelandet sind, ein Jahr lang immer wieder bei unseren Auftritten gespielt. Wir wollten eigentlich nur noch ins Studio gehen und die Stücke so aufnehmen, wie wir sie auch live gespielt hatten – mit einem geringen Extra-Aufwand. Das Einspielen unserer ersten beiden EPs hat ewig gedauert und wir fanden, dass damit das Live-Feeling und die Energie eines Live-Auftritts verloren gingen. Deshalb haben wir Crooked Timber innerhalb von zwei Wochen eingespielt und gemischt, und ich glaube, das Album hält ganz genau fest, wo wir uns als Band und Menschen zu diesem Zeitpunkt befanden. Wenn ich mir das Album anhöre, höre ich darauf jede Menge Optimismus, Freundschaft und Glaube an sich selbst. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass das nächste Album sich genauso anhören wird. Ich denke, es werden 45 Minuten voller unangenehmem Lärm, Dröhnen, Apathie und Wut. Na ja, so wird es auf jeden Fall werden, wenn wir es nach dem üblichen Prozedere aufnehmen. Jim Barr ließ uns einfach machen, kochte guten Kaffee und erzählte uns jede Menge schmutzige Witze. Außerdem sagte er uns, wenn wir uns scheiße anhörten. Es war einfach perfekt.
AN.de: Einige Musikjournalisten haben euch mit Radiohead, andere mit Morissey verglichen. Schmeicheln euch solche Vergleiche? Was würdet ihr als eure wichtigsten musikalischen Einflüsse nennen?
Rick Brown: Interessant, von diesen Vergleichen wissen wir nichts … echt nett. Trotzdem: Ist aber irgendwie auch egal, oder? Seltsamerweise glaube ich, dass wir eigentlich niemals wirklich über unsere Einflüsse oder Vorbilder gesprochen haben. Sollten wir vielleicht. Klar reden wir über Musik, aber es fällt mir schwer, eine Band oder Platte zu nennen, die wir alle mögen. Hm … Vielleicht irgendwas von Pentangle oder Surfer Rosa von den Pixies?
AN.de: Wer von euch schreibt die Songs?
Rick Brown: Alle Lieder entwickeln sich aus Vorschlägen von unserem Sänger Dan. Er ist dabei irgendwie ein Freak, denn er fühlt sich komisch, wenn er Texte und Melodien singt, die er nicht selbst geschrieben hat. So ist es halt und deshalb machen wir es so. Wir hören uns seine schönen und sehr gut gegliederten Songs an und dann versuchen wir, sie so gut wie möglich zu verhunzen. Erst dann sind sie wirklich und wahrhaft Babel.
AN.de: Ihr verwendet oft Streicher-Arrangements in euren Liedern. Was schreibt ihr zuerst – den Gitarren- oder den Streicherteil?
Rick Brown: Die Streicher-Arrangements gehören eigentlich immer gleich zum Song dazu. Wir möchten nicht, dass sie sich so anhören, als hätten wir sie einfach obendrauf als netten Effekt gepackt. Unser Traum ist, dass sie so klingen wie Hot Buttered Soul von Isaac Hayes oder Scott Walkers Scott 3. Wie dem auch sei, auf dem nächsten Album verwenden wir vielleicht überhaupt keine Streicher.
AN.de: Am Anfang habt ihr hauptsächlich in kleinen Clubs gespielt. In der Vergangenheit habt ihr aber auch auf großen Festivals wie Glastonbury performt. Was mögt ihr lieber?
Rick Brown: Momentan gefällt es uns definitiv besser, in kleinen Clubs zu spielen – Locations mit einem Dach und fließendem Wasser. Letztes Jahr haben wir auf viel zu vielen Festivals in England gespielt und irgendwann hat das gar keinen Spaß mehr gemacht. Auf jedem Festival war auch Dreadzone am Start. Wir haben das als negatives Zeichen gewertet und deshalb hörten wir erstmal auf, auf Festivals zu spielen. Na ja, wir hatten gerade einen Auftritt auf dem Fusion Festival in Berlin und das war die beste Festival-Erfahrung, die wir je hatten. Also haben wir beschlossen, von nun an nur noch auf deutschen Festivals zu spielen. Dreadzone waren in Berlin aber auch dabei. Die Hälfte von Babel weigert sich, je wieder auf dem Glastonbury zu spielen.
AN.de: Ihr habt auch schon Amy Winehouse auf ihrer Tour supportet. Wie war das?
Rick Brown: Leider haben wir nur auf einer ihrer Shows als Vorband gespielt. Die eigentliche Vorband sagte ab und wir hatten die Chance, an ihrer Stelle zu spielen. Vorher hatten wir noch nie vor so vielen Leuten performt. Ich kann mich noch erinnern, dass ich im Backstage-Bereich saß und zum ersten Mal überhaupt die nackte Angst in den Augen der Anderen sah. Ich wünschte, jede Show wäre so Angst einflößend wie diese. Amys Management entschied allerdings, dass wir sie nicht persönlich treffen durften.
AN.de: Letztes Jahr hat auch Therapy? ein Album namens Crooked Timber veröffentlicht. Findet ihr es gut, dass eure Alben den gleichen Titel haben?
Rick Brown: Hast du es (Anm. der Redaktion: Therapys? Album) dir mal angehört? Ich habe mir bloß anderthalb Lieder darauf angehört. Ich glaube nicht, dass irgendjemand unsere Alben verwechseln wird. Wir nennen unser nächstes Album vielleicht Therapy? – einfach nur, um sie echt zu verärgern.


