
"Ich hatte keine Lust mehr auf Musik."
"Ich hatte keine Lust mehr auf Musik."
Slayer (14.6.2010)
Sie zählen zu den härtesten Bands der Welt und haben mit ihrem aktuellen Album World Painted Blood bewiesen, wie kompromisslos sie immer noch zu Werke gehen können. Slayer sind die verlässlichen Aushängeschilder des Genres. Das Gitarrenduo Jeff Hanneman und Kerry King gelten als kongeniales Team, Schlagzeuger Dave Lombardo als sicherer Rückhalt und Tom Araya wirkt mit seinen grauen Haaren heute gar wie ein weiser, sympathischer Mann. Wir hatten die Möglichkeit, uns mit Kerry King vor deren Konzert in der Kölner Live Music Hall zu unterhalten.
AN.de: Hallo Kerry, eure neue CD World Painted Blood strotzt vor Kraft und es klingt, als seid ihr konsequent back to the roots gegangen. Gibts da ein Mittel, warum es so funktioniert hat? Oder lag es an bestimmten Situationen, die mit dem Schreiben und der Aufnahme zu tun hatten?
Kerry King: Danke. Naja, da gibt es schon einen Zusammenhang. Wie immer haben wir auch dieses Mal in Tom's (Araya, Anm. des Verf.) Garage geübt - besser gesagt Jeff (Hanneman, Anm. des Verf.) und ich - und Stücke geschrieben. Jeder von uns beiden muss dann ab und zu hinterm Schlagzeug Platz nehmen. Das klingt nicht besonders gut, aber wir können die Zeit halten. Das ist doch was, oder? (lacht) Als es dann wirklich ans Üben ging, habe ich etwas getan, was ich zuvor nie gemacht hatte: Ich verließ den Proberaum übte danach drei bis vier Stunden weiter! Außerdem haben wir normalerweise alle Songs fertig, wenn wir ins Studio gehen. Dieses Mal wollten wir nur ein paar fertig haben und den Rest einfach im Studio schreiben. Es funktionierte!
AN.de: Wo wir gerade beim Thema Schlagzeug und Rhythmus bzw. Tempo sind. Bringt es eigentlich etwas, euch einen Klick auf das Ohr zu setzen?
Kerry King: Wir haben durchaus bei älteren Sachen mit Klick gearbeitet. So abwegig ist das nicht. Dave hat jedoch ein brilliantes Timing und hat kleine, aber feine und natürliche Temposchwankungen drin. Das ist OK. Das klingt dann nicht zu perfekt. Ich denke, das ist auch ein Grund, warum uns die Leute so mögen. Was wir allerdings früher gemacht haben war, an den Stücken bis ins kleinste Detail zu feilen und verschiedene Tempi auszuprobieren, bevor es ins Studio ging.
AN.de: Du jammst ungern. War das Üben und Schreiben in Toms Garage nicht die Hölle für dich?
Kerry King: Also, Jeff liebt es zu jammen. Ich bin dagegen derjenige, der ganz direkt die Sache anpacken will und tatsächlich schreibt und übt. Man kann es vor Konzerten sehr gut beobachten. Jeff jammt sich beim Soundcheck gern warm und ich mache da lieber mein Ding. Auch gern allein. Wenn jemand zu mir kommen würde, The Haunted z.B. (die derzeitige Supportband, Anm. des Verf.) und würde sagen: Hey, wir spielen nun diesen Part in jener Tonart und jammen ein wenig. Ich kann dir sagen, ich wüsste gar nicht, was ich machen sollte.
AN.de: Aber du scheust es nicht, Guitar-Clinics zu geben, wie ich gesehen habe.
Kerry King: Ja, das stimmt. Ich mache das, wenn mein Endorser B.C. Rich mich danach fragt. Das macht Spaß. Dann ist eine Horde Jungendlicher anwesend, denen ich ein paar Kniffe zeige und es findet dann ein recht reger Austausch statt. Sehr interaktiv. Es kommt auch häufig vor, dass sie mir Sachen vorspielen - eigene Riffs z.b. oder Coverversionen, die wir dann zusammen ausarbeiten.
AN.de: Ihr seid ja irgendwann darauf gekommen, eine Zeit lang Nu-Metal-Elemente mit einzubauen. Wie seid ihr denn darauf gekommen?
Kerry King: Meinst du Diaboulous In Musica?
AN.de: Ja, zum Beispiel.
Kerry King: Als Nu-Metal populär wurde, konnte ich das nicht im Geringsten verstehen. Noch weniger, warum plötzlich jeder Fred Durst sein wollte. Ich hielt ihn damals für den kompletten Idioten. Heute weiß, dass er einer ist. (lacht) Ich hatte damals keine gute persönliche Phase und war mit allem unzufrieden. So auch mit diesen vom Nu-Metal inspirierten Songs und meinen Beiträgen. Ich mochte die Platte nicht. Ich hatte keine Lust mehr auf Musik. Was mich damals interessierte, war mein neues Hobby: Reptilien. Nichts weiter. Aber das änderte sich und das ist auch der Grund, warum ich für Christ Illusion und God Hates Us All so viel schrieb.
AN.de: Es ist schon auffällig, dass die alten Metal-Bands immer wieder eine Renaissance erleben bzw. immer noch da sind. Anthrax, Metallica, Megadeth und natürlich ihr. Nun geht ihr bald als The Big Four auf Tour.
Kerry King: Also ich muss sagen, dass ich schon erstaunt war, dass seit 15 Jahren niemand daran gedacht hatte.
AN.de: Ich erinne mich noch an die Clash Of The Titans-Tour Anfang der 90er.
Kerry King: Exakt. Wir werden seit dem Zeitpunkt als The Big Four bezeichnet. Zwanzig Jahre später haben wir es wieder hinbekommen. Das ist doch der Hammer! Es wird zwar eher in den alten europäischen Ostblock-Staaten stattfinden und nicht in Deutschland oder England. Aber ich hoffe, dass wir das noch schaffen werden.
AN.de: Nun wird Dave Mustaine ja auch dabei sein. Ihr beide hattet ja ein paar Probleme...
Kerry King: Oh, ich glaube, jeder hat mit Dave das ein oder andere Problem... (lacht)
AN.de: Ganz aktuell ist es scheinbar Scott (Ian von Anthrax, Anm. des Verf.)...
Kerry King: Hm, interessant. Ich werde ihn mal fragen. Aber Megadeth und wir haben letztes Jahr eine kleine Tour durch Kanada und Australien gemacht und es war OK. Ich traf Dave zufälligerweise am Flughafen von L.A.. Wir gaben uns die Hände und ich meinte: Dave, wir haben uns nun 15 Jahre nicht mehr gesehen und ich hoffe, wir bekommen das hier hin! Also, lass uns der Sache eine Chance geben.
AN.de: Du hattest es ja auch immerhin mal geschafft, nach eurem Debüt Show No Mercy (1983) für ganze fünf Konzerte bei Megadeth einzusteigen.
Kerry King: Haha, ja, das Spielchen war ziemlich schnell wieder vorbei.
AN.de: Wie kannst du dir den Erfolg von Slayer erklären? Ihr seid immerhin eine der härtesten Bands und habt trotzdem eine Menge Anhänger. Kompromisslosigkeit und eine hohe Anhängerzahl passen ja leider oftmals nicht zusammen.
Kerry King: Das ist schwierig. Ich glaube, dass es zwei Gründe gibt. Einerseits geben wir auf den Live-Shows immer unser Bestes. Andererseits hat es eventuell viel damit zu tun, dass wir in den ersten Stunden der Metal-Bewegung dabei waren.
AN.de: In Jahren 1983 bis 1985 debüttierten zahlreiche Größen Metallica, Anthrax, Exodus, Testament.
Kerry King: Ja, das ware schicksalhafte Jahre und diese Szene brachte neuen Wind. Diese Welle war perfekt und wir wollten durch Härte herausstechen. Wir konnten somit machen, was wir wollten und wurden beachtet.
AN.de: Wollt ihr immer noch die härteste Band des Planeten sein?
Kerry King: Ich denke, dass wir das immer noch sind. Es gibt viele Richtungen, die meinen, sie wären heavier - Death Metal zum Beispiel. Ich sage: ohne uns würde es das gar nicht geben. Nun gibt es Bands, die wollen weiter Geschwindigkeitsrekorde brechen oder spielen komplett langsam. Wir machen alles. Und seien wir mal ehrlich: wir würden hier so nicht darüber reden, hätte es Black Sabbath nicht gegeben.
AN.de: Ihr habt keine Scheu davor, Texte zu schreiben, die heikle Themen aufgreifen: Massenmörder, das dritte Reich, Abtreibung usw. Gibt es für euch Tabus?
Kerry King: Ich denke nicht. Das ist auch ein Grund, warum Fans uns lieben. Wir haben keine Angst davor, sowas in unsere Texte zu packen. Ich glaube, dass man über alles schreiben kann, solange die Texte dokumentarisch gehalten werden und nicht zur Meinungsmache genutzt werden. Wenn das eingehalten wird, sind keine Grenzen vorhanden.


