Platte der Woche

Interpol
Interpol

Aktuelle Platten

Ballon, Zeppelin und Schmetterling

Ballon, Zeppelin und Schmetterling

Ballon, Zeppelin und Schmetterling

Jochen Distelmeyer

Das Ende der so wichtigen Hamburger Gruppe Blumfeld hat riesige Lücken und viele Fragen hinterlassen. Es ist allerdings durchaus keine Überraschung, dass Jochen Distelmeyer, Stimme der polarisierenden Band selbst das Erbe seiner Band antritt.

Ein erstes Soloalbum ist bereits erschienen. Und die erste längere Tournee nach Blumfeld hat Distelmeyer, samt neuer Begleitmusiker, nun auch vollendet. Der letzte Auftritt der Konzertreise findet in Bremens Tower-Club statt. Als Nachholtermin geschieht dies und dann auch noch kurzfristig verlegt, weil wohl die Nachfrage eher mäßig gewesen sein muss. Wächst denn kein Publikum nach? Und haben ihn die Fans von früher vergessen?

 

Die Vorzeichen des Auftritts sind demnach wenig vielversprechend. Distelmeyer und Band scheinen davon weder negativ beeinflusst noch in irgendeiner Weise beeindruckt zu sein. Die Atmosphäre im kleineren Veranstaltungsraum ist von Beginn an angenehm freundlich. Es lässt sich besser kommunizieren und zum Singen mobilisieren. Jochen Distelmeyer veranlasst sein Publikum dazu mehrfach. Es liegt ihm viel an raumgreifender Partizipation. Dabei, dies ist allen klar, wie vom Getuschel bis zum Zwischenruf bestätigt, hat niemand eine solch schöne Stimme wie der seitlich gescheitelte Schlacks auf der Bühne.

Den amüsieren die Komplimente eher und er präsentiert seltsame Posen sowie skurrile Einwürfe, mit denen wenige wohl gerechnet haben dürften. Doch das Publikum fühlt sich stets bestens unterhalten. Auch politisch stimmt die Wellenlänge. Musikalisch steht dies ebenfalls außer Frage. Inmitten des Schmusekurses von Distelmeyer und Band, von Liebe schwärmend und diese anrufend, beflehend, umschwärmend und deutend, entpuppt sich im Konzert gerade der sonst säuselnde Schmetterling als Draufgänger. Gruppendynamisch schwingt er sich zu psychedelischer Intensität herauf. Diese Energie verströmt das Liedgut ansonsten durch Poesie, massives Wohlwollen oder auch Mitsingmomente. Musik als Bad in Liebe, herrlich, so Distelmeyer, und zugleich emporsteigend wie die besungenen Ballons, Zeppeline und der bereits erwähnte Schmetterling.