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Re-Issues: Generic Flipper, Gone Fishin', Sex Bomb Baby!, Public Flipper Limited
Re-Issues: Generic Flipper, Gone Fishin', Sex Bomb Baby!, Public Flipper Limited
Flipper
Flipper. Wenn man das hört, denkt man zunächst einmal an den gleichnamigen Delfin, der die Hauptrolle in haufenweise US-Abenteuerfilmen und -serien gespielt hat. Und danach dann an Musik, vorzugsweise Volksmusik. Die Flippers halt. Aber Hand aufs Herz: Wer denkt schon an die kalifornische Punk-Band Flipper, die mit Unterbrechungen immerhin schon seit 1979 exisiert?
Dabei waren und sind Flipper ein nicht zu unterschätzender Einfluss für viele Rock-Bands der letzten 20 Jahre, vor allem wenn es um Bands geht, die bewusst anecken wollten. So finden sich in den Booklets der vier Rereleases Liner-Notes von allerhand berühmten Charakterköpfen, die in der Punk- oder weiteren Krach-Szene Rang und Namen haben. Im Booklet von Generic Flipper wäre das Krist Novoselic, früher bekannt als Nirvana-Bassist und von 2006 bis 2008 ebenfalls Mitglied von Flipper; King Buzzo von den Melvins gibt seinen Senf zu Gone Fishin' ab, Henry Rollins (ex-Black Flag, Rollins Band) schreibt über Sex Bomb Baby! und der American Hardcore-Macher Steven Blush widmet sich Public Flipper Limited.
Die meisten dieser berühmten Fans haben etwas mit Flipper gemeinsam: Sie haben Punk-Geschichte geschrieben - auf ihre individuelle Art und Weise, wobei Flipper hier nun allerdings sicherlich die Individuellsten waren. Musikalisch sind sie zwar deutlich dem Punk Rock zuzurechnen, verfolgen aber einen sehr speziellen Ansatz. Die Gitarren sind meist dezent verstimmt, wodurch die Verzerrung noch dissonanter wirkt, zudem spielen sie schlichtweg langsamer und klingen dadurch wesentlich härter, sind näher am späteren Noise-Rock als so manche andere zeitgenössische Punk-Band der achtziger Jahre. Dazu kommt der charakteristische Gesang, der immer mehr als nur ein wenig neben der Spur liegt - fertig sind vier Alben, die Pionierarbeit für experimentelle Rockmusik geleistet haben.
Besonders das Debüt-Album Generic Flipper (1982) ist essenziell und nahm viel dessen vorweg, wofür heute experimentelle Noise-Rock-Bands die Lorbeeren kassieren. Das gesamte Album ist eine einzige Definition der Band Flipper. Die schrägen Gitarren-Riffs, der gleichermaßen hysterische wie gelangweilte Gesang, die vermeintlich monotonen Songstrukturen und was das größte Kuriosum darstellen dürfte: So eigenwillig alles klingt, Generic Flipper ist ein Album voller Hits. Life Is Cheap, The Way Of The World (das auch schon von den Melvins gecovert wurde) und Life sind dabei noch recht offensichtlich, was wirklich verwundert ist, dass selbst ein achtminütiges, mit Mickey-Mouse-Stimmeffekten verziertes Ungetüm wie (I Saw You) Shine Ohrwurmqualitäten vorweist, vom nahezu ähnlich langen Band-Hit Sex Bomb - inklusive Bläser-Einsätzen! - mal ganz abgesehen. Langlebig ist Generic Flipper zudem ebenfalls - ein wahrer Klassiker eben. Gehört in jeden einigermaßen gut sortierten Post-Hardcore-Noise-Indie-Experimental-wasauchimmer-Rock-Haushalt.
Nach dem offensichtlicheren Klassiker kam das schwierigere zweite Album. Gone Fishin' (1984) schlägt im Vergleich zu seinem Vorgänger wesentlich ruhigere Töne an, allein schon der Opener The Light, The Sound, The Rhythm, The Noise ist ruhiger als der ruhigste Moment auf Generic Flipper und fährt die versöhnlichen Klänge eines Glockenspiels auf - während verzerrte E-Gitarren wohlgemerkt kaum zu hören sind, geschweige denn irgendein Instrument verstimmt klingen würde. Das Experimentieren mit verschiedenen Instrumenten zieht sich dann auch durch das gesamte Album, die großflächig dissonanten Gitarren der Vergangenheit sind weitestgehend verbannt. Was aus heutiger Sicht aber bestimmt keinen Nachteil für Gone Fishin' darstellt. 1984 haben sich bestimmt viele Flipper-Fans hintergangen gefühlt, weil das Album nicht ihren Erwartungen entsprach - es ist aber nicht schlechter als Generic Flipper sondern einfach nur anders. Ihre Exoten-Stellung im Punk Rock haben Flipper damit nicht verloren, sie haben sich lediglich ein wenig umpositioniert. Das mag auf das gesamte Genre bezogen nicht so revolutionär gewesen sein wie das Vorgänger-Album, in ihrem eigenen kleinen Mikrokosmos haben sich Flipper aber immerhin neu erfunden, ohne an Qualität einzubüßen.
Die Rerelease-Reihe wird von der Compilation Sex Bomb Baby! (1988) und dem Live-Album Public Flipper Limited (1986) abgerundet, wobei besonders Sex Bomb Baby! zu empfehlen ist, das viele Prä-Generic Flipper-Aufnahmen enthält, welche widerum größtenteils exklusiv sind. Der Aufnahmezeit entsprechend ähneln die Songs stilistisch am ehesten dem Debüt-Album und es sind unter anderem auch frühe Aufnahmen der Album-Songs Sex Bomb und Ever vertreten. Positiv anzumerken ist ebenfalls, dass Sex Bomb Baby! bis auf den Live-Ausreißer Sacrifice auch als gutklassiges reguläres Album durchgehen könnte - mehr für Fans von Generic Flipper also.
Public Flipper Limited schlägt in eine ähnliche Kerbe. Viele der Songs, die hier - in durchaus guter Soundqualität übrigens - dargeboten werden, sind auf den anderen drei Rereleases nicht enthalten. Um möglichst alle Flipper-Songs zusammenzubekommen ist das Live-Album also schon einmal Pflicht, auch wenn das Album-Feeling hier leider überhaupt nicht aufkommt, weil die Songs über fünf Jahre hinweg (1980-1985) während Konzerten aufgenommen wurden. Somit ist Public Flipper Limited letztlich am ehesten für Die-Hard-Fans und Komplettisten geeignet, Neu-Fans sind mit Sex Bomb Baby! ungleich besser bedient.
Letztlich mag nicht der gesamte Flipper-Backkatalog essenziell sein, zumal auch noch die regulären Alben American Grafishy (1993) und, brandaktuell, Love (2009) sowie vier weitere Live-Alben dazugehören. Für den Anfang ist man mit Generic Flipper, Gone Fishin' und Sex Bomb Baby! aber sehr gut bedient. Vor allem, weil sich alle drei genannten die letzten zwanzig Jahre über hervorragend gehalten haben. Das hat Seltenheitswert und sollte von allen Freunden krachiger, bisweilen experimenteller Rockmusik belohnt werden.
