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Eine Label-Geschichte (Teil 1)

Eine Label-Geschichte (Teil 1)

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Touch And Go Records

Unlängst sagte Steve Albini, konsequent lärmender Musiker, konstant besessener, pausenlos arbeitender Produzent, idealistischer wie auch verbissener Sprecher für Independent Labels, beißender Spötter und wortreicher Kritiker der millionenschweren Majorplattenfirmen über Touch And Go Records: „Wenn `die Geschichte` über Rockmusik spricht, dann hat sie die Tendenz von den Sex Pistols direkt zu Nirvana zu springen. Dabei waren die Achtziger ereignisreich und sehr wichtig. Es begann etwas in dieser Dekade, etwas besoneres. Das beweisen Ereignisse wie die Jubiläumsveranstaltung im Chicagoer Hideout. Ich fühle mich einer großen Zahl der Bands dieser Dekade brüderlich verbunden. Touch And Go ist die beste Sache, die in meinem Leben passiert ist. Ich liebe Touch And Go. Ich liebe Corey Rusk.“

Mit diesen freundlichen Worten der Würdigung ist Albini nur einer von vielen der diesjährigen Fürsprechern des Ausnahme-Unternehmens Touch And Go Records, welches Corey Rusk, noch heute für die Produktion von geschmackvoll herausstechenden Alben verantwortlich und mit der Förderung besonderer, ihm nahe gehender und nahe stehender Bands beschäftigt. Ursprünglich für die erste selbst-betitelte Single seiner Band, The Necros, ins Leben gerufen, funktioniert dieses unternehmen noch heute nach eigenen Grundsätzen.

 

Auf in die Achtziger:

Corey Tusk, um die Mitte der Sechziger geboren, wächst in einem dieser sauberen und eintönigen Vororte der Vereinigten Staaten auf. Dort passiert absolut nichts, was einen eher schüchternen, Skateboard fahrenden Pubertierenden bewegen, geschweige denn begeistern kann. Erst als erste Punk-Platten den Heranwachsenden erreichen, dargeboten durch Alben der Ramones und das aufrüttelnde Debüt der Sex Pistols, entsteht ein zündender Funke, welcher den Menschen Corey Rusk inspiriert und ihn bis zum heutigen Tag motivierend anfeuert.
Die Kraft der ungezügelt, ehrlich und wahrhaftig erscheinenden Musik verändert sein Leben. Die Begeisterung für Punk Rock kennt keine Grenzen. Bald gründen Rusk und Barry Henssler, der ihm The Ramones und die Pistols vorspielte, eine eigene Band, ganz dem Do-It-Yourself-Ethos verpflichtet. Angespornt von selbständigen Gruppen wie Black Flag oder Minor Threat, welche ihre Tourneen selber buchen und ihre Stücke auf ihren zunächst winzigen und völlig unbekannten Independent-Labels veröffentlichen, stecken sie all ihre Energie in die Musik. Das Quartett taufen die Jugendfreunde The Necros. Corey spielt den Bass und kümmert sich auch um Kontakte zu anderen und kleine Tourneen.

Die aggressiven Songs der eigenen Band und auch von befreundeten Gruppen, soll auf Vinyl gepresst werden. Das steht für Corey fest. Doch niemand interessiert sich für die Necros. Am Ende des Jahres 1980 in Erwägung gezogen, daraufhin entschlossen die kurzen Lieder aufgenommen, startet das Label Touch And Go, aus einem geneigten Fanzine heraus, Anfang 1981, mit der Veröffentlichung von zwei Singles. Die erste Veröffentlichung gehört den Necros, die Nummer 2 ihren Freunden von The Fix. Mit insgesamt dreihundert Tonträgern wissen die jungen Burschen, die kein Geschäft anvisieren, kaum etwas anzufangen. Doch sie lassen sich unter die Leute bringen und tatsächlich verkaufen. Von da an ist Touch And Go ein Bestandteil des US-Punk-Underground, der um die Wende des Jahrzehnts entsteht und sich unmittelbar zu vernetzen beginnt.
Eigeninitiativ gründen Bands oder einzelne Musizierende unabhängige, anfangs regional ausgerichtete Labels in den Metropolen, in Los Angeles, San Franzisko, Boston und Washington, DC. Corey Rusk´s Touch And Go Records positioniert sich zwischen `Gleichgesinnten` wie SST, Dischord und Alternative Tentacles, während eine zweite, verjüngte – abgesehen von englischen Ausnahmeerscheinungen wie Eater –, politisierte Epoche des Punk beginnt und der Begriff Hardcore entsteht. Man kennt und schätzt einander, im kleineren Kreis der Szene, doch auch überregional. Außenseiter finden, verstehen, vertrauen und fördern einander, über die gesamte angeblich freie Nation verteilt; unter Ronald Reagan zur Empörung und zum musikalischen Aufstand gezwungene junge Menschen.
Zusammen etablieren sie, nahezu im Verborgenen, eine eigene Kultur. In ihr kann, so erscheint es in der Rückschau auf die Begebenheiten, jedes beteiligte Individuum jede gewünschte Position einnehmen. In einem Moment noch im Publikum stehen, im nächsten bereits auf der Bühne, bald darauf im Aufnahmestudio oder im Büro des Labels. Aus Rusk´s erweitertem Freundeskreis dringt derweil der schroffe, brutale und spröde Midwest-Hardcore-Stil, neben abenteuerlichen Konzertreisen auch via Touch And Go Records, in andere Städte. Beindruckende Dokumente, deren Ausdrucksstärke und Dringlichkeit die Jahrzehnte schadlos überdauern, kommen von Mittlerweile-Hardcore-Legenden wie Negative Approach, aber auch den etwas anders veranlagten Bands, etwa den Humoristen von The Meatmen, Stil-Erweiterern wie Naked Raygun und auch Die Kreuzen.

Smells Like The Nineties

Der relativen Vielfältigkeit radikaler Gitarren-Musiken und auch gemäßigteren Manifestationen der im Punk-Kontext verwurzelten Ausdrucksformen verfallen, bleibt Rusk stets offen für das Neue und für Experimentelles. Genregrenzen darf er ignorieren, verlässt er sich doch ganz auf seinen Geschmack, der ihn, den wenig ökonomisch Denkenden, (ver-)leitet. In Hinsicht auf die Veröffentlichung von Schallplatten liegt Rusk eine klare Linie stilistischer Beschränkung jederzeit fern, lediglich im Anfangsstadium ist eine Ausnahme erkennbar, doch neben Hardcore haben keine Alternativen Bestand. Sie existieren schlichtweg nicht, solange dessen Attitüde und Lebenshaltung Rusk´s Leben sind. Abgesehen von dieser Periode beeinflussen das subjektiv-emotionale Leitsystem und, auch weiterhin, wie in frühen Tagen, freundschaftliche Beziehungen sämtliche Aktionen des Labels.
Signifikant, bis zum heutigen Tag, sind die Grundsätze und Methoden nach denen operiert wird. Es geht um keinen Businessplan oder Geschäftsbeziehung, jedenfalls nur am Rande, sondern um Musik, die Menschen, welche sie erschaffen und Möglichkeiten diese weiterzureichen.

Auf diese Weise findet, wenn nicht permanent, dann zumindest periodisch, eine stetige Entwicklung statt, ein schleichender Wandel. Heute mögen diese über einen Zeitraum von Jahren etablierten Veränderungen unwesentlich erscheinen. Doch perspektivisch sind diese Details, diese strukturell und klanglich vorgenommenen Umgestaltungen, diese veränderten Ansätze, Spielhaltungen, neuen Vorzeichen und transformierten Merkmale, von großer Bedeutung. Es entwickelt sich Musik für eine nahe Zukunft, Musik, die schon bald in den so genannten Mainstream eindringen kann, trotz ihrer wenig schmackhaften Haken und Ösen, ihrer komplexen Ästhetik.
Die Veröffentlichungen auf Touch And Go, die in der zweiten Hälfte der Achtziger unbemerkt durch kleine Clubs und Wohnräume schleichen, bereiten ihren Durchbruch vor – der, im Laufe des Nirvana-Hypes, fast ihren Tod bedeutet hätte.
Eine kleine Schar von seltsamen Rockbands findet zu Rusk. Sie gruppiert sich um sein Label, in die 90er Jahre weisende, innovative Noise-Bands, unter ihnen Steve Albini´s Big Black, das schneidend präzise riffende Quartett um den elektrischen Drummer Roland. Ebenso dabei sind Blues- und Rock-Verwüster wie Scratch Acid und Killdozer oder die wohl wahnsinnnigste und, neben den Grateful Dead, im höchsten Maße drogengeschwängerte Band aller Zeiten, die Butthole Surfers. Sie alle stehen für die Zeit in der Alternative Rock, wie er heute heißt, noch Indie-Rock ist.
Doch das soll sich ja bald ändern. Die nächste Dekade steht schon bevor.
Whatever, Nevermind.

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